Es war einmal... Die Geschichte von der Roggenmuhme
- 2 Aug 2026
- Katrin Bamberg - Spinnradmärchen

Die Roggenmuhme ist tatsächlich als Korngeist eine Gestalt der deutschen Sage. Geht sie über ein Feld, so wird es fruchtbar. Kornfrevler straft sie. Man liess ihr früher immer einen kleinen Anteil von der Ernte, damit das Feld nächstes Jahr fruchtbar wurde. Möge euch diese kurze Erzählung von ihr freuen!
Es war eine Magd, die war so reich von Herzen wie arm an Geld und Gut. Die ging eines Tages am Roggenfeld ihres Herrn entlang. Da sah sie eine Schar wilder Jungen, die miteinander rauften und dabei immer wieder in das wachsende Korn hineintraten. Die Magd ermahnte sie, doch sie wollten nicht hören. Ja, einer trat erst recht ins Korn hinein. Dem gab sie eine Ohrfeige, dass er jämmerlich schrie und sich mit seinen Spielgefährten trollte.
Sie beugte sich und sammelte die niedergetretenen Ähren auf. Plötzlich stand ein steinaltes Mütterchen vor ihr und fragte streng: „Hast du die abgerissen?“ Die Magd schüttelte den Kopf und gab getreulich Bericht, wie das Korn in ihre Hand gekommen war. „Warum hast du die Jungen gestraft? Wohl, damit dein Herr dich belohnt?“ Wieder schüttelte die Magd den Kopf. „Wegen der paar Ähren wird mein Herr nicht ärmer, aber mich dauerte die arme Frucht.“ Da sprach die Alte: „Gib mir doch einmal deine Ähren!“ Die Magd wunderte sich, was das nun werden sollte, aber sie gehorchte und reichte ihr die Ähren hin. Die Alte nahm sie in die Hand, strich ein paarmal darüber hin und sprach:
„Goldene Gabe,
Hohe Habe,
Wer sie ehrt
ist ihrer wert!“
Darauf gab sie der Magd die Ähren zurück und sprach: „Leg sie in deine Truhe und hüte sie wohl, es wird dein Glück sein.“ Und plötzlich sah die verhutzelte Alte jung und schön aus, und dann war sie plötzlich verschwunden.
Die Magd legte die Ähren daheim in ihre Truhe und dachte nicht weiter daran. Nicht lange danach freite ein frischer Bursche um sie. Wie nun die Hochzeit gerüstet wurde und die Truhe mit dem Brautlinnen ins Haus des Bräutigams geschafft werden sollte, konnte niemand sie anheben, so schwer war sie. Da musste die Braut die Truhe aufschliessen. Und sieh, es glänzte und glimmerte darin wie die lichte Sonne, denn alle die Ähren waren zu blankem Gold geworden! Da war das junge Paar reich genug, sich ein eigenes Häuslein zu bauen und sich ein gutes Stück Feld und auch zwei Kühe anzuschaffen. Und sagt, was kann es für einen Bauern und eine Bäuerin wohl Schöneres geben?
Aus: Die Roggenmuhme, Hagdis Hollriede, Stuttgart 1949
Herzliche Grüsse
Katrin Bamberg
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